wall-fahrt

März 9, 2014

bist du angenehm verstaut?

bekommst du luft? ich meine, es könnte ja sein … du weißt schon. es ist eng zwischen den koffern. aber schau, wir sind bald da. schlaf ruhig ein wenig. oder … hast du empfang? ich meine, ist der empfang gut? hast du empfang? ist doch nicht stickig? sag, ist es stickig? wir sind bald da. ich muss mal eben … aber dann geht’s direkt weiter. hörst du? bald da.

wir sind bald da. hörst Du? schieß doch ein bild hoch. du kannst immer so tolle bilder. die fotos, lad doch eins hoch. das muss die welt doch sehen. wäre schade. deine bilder sind … also so tolle bilder immer. ich sag gesten noch zu meiner kollegin, „schau mal, das ist ein so tolles bild.“ ich hab ihr das gezeigt … du weißt schon … das vom letzten jahr … dieses eine. so schön. tolles bild. echt tolles bild. und ich sag gestern noch zur kollegin, „schau mal!“, hörst du?

ist es nicht zu stickig?

hach, diese sonne. endlich wieder sonne. macht einen anderen menschen aus dir. wie heißt es so schön: frühling lässt seinen holden, belebenden duft. – ja, die poesie. ich hab seit jeher geliebt, schau, die poesie stimmt immer milde. so ein reim an richtiger stelle und alle sorgen sind wie weggeblasen. hörst du? besser als 21-22-23. was sind zahlen gegen poesie? da hab ich recht – oder? siehst du auch so? was macht das bild?

hast du empfang?

 

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manchmal benötigt es nur einen grund, um betrübt zu sein: die welt.

die welt an sich, natürlich die welt an sich, als solche. dieses erbsengeschöpf in personalunion.

dann sitzt man wieder einmal vor der thomaskirche und denkt sich: ha, ich sitze schon wieder vor der thomaskirche. aber heute geht es mal nicht um bach, sondern um büchner. der stand als container in der stadt der woyzeckhinrichtung. das ist vorstellbar, aber wahr. und die woyzeckhinrichtung war die letzte. die letzte öffentliche in leipzig, wohlbemerkt. das war am 27. august 1824. woyzeck hinterließ der stadt eine frisierstube in der mädler-passage, zwei füße neben auerbachs keller. man sieht, es wimmelt überall an prominenz.

„ich habe der marzipanhand des bachdenkmals einen guten tag gewünscht“, sagte ein tourist in einer mir nicht verständlichen sprache. noch heute grüble ich, was er sagte. seitdem sind immerhin schon zehn minuten vergangen. eine lange zeit in unserer schnelllebigen lethargie.

ich antwortete ihm mit einem sprachhandelsüblichen lächeln (gemäß genfer konvention). er dankte es mir mit einem schlag ins gesicht. glücklicherweise ist es heute sehr kalt, weshalb der schlag durch zentimeterdicke fäustlinge seinerseits wesentlich abgemildert wurde. „lass uns reingehen und es von mann zu mann austragen“, erwiderte ich, und verschwieg ihm, dass mir der begriff ‚mann‘ seit jeher bauchschmerzen bereitet, da er einen semantisch dazu zwingt, zum beispiel jetzt mit dem geschlechtsgenossen kirche zu gehen und die sache protestantisch zu erledigen. drinnen angekommen zog er seine fäustlinge ab und ich meine hände aus dem muff (pelz vom tofulemming), befreite mich von meinem seitanschal, öffnete ein wenig den mantel, während er ungeduldig zu zucken beginnt, dieser desweiterennudist samt wetterbedingter körperpartiengröße.

nun stehen wir uns gegenüber, starren uns männlich an, dachten an ziegen und plötzlich waren wir so konzentriert auf das jetzt gewesen, dass wir nicht einmal dieses unerklärliche hinundherspringen zwischen den zeitformen erklären werden können.

„nun gut“, sagst du in deiner mir unverständlichen sprache, „lass uns beginnen.“ zugegeben, mir zittern ein wenig die nerven. ich sag ihr, es läge an einer familienbedingten psychosemantischen störung,  sie schüttelt nur den kopf und mir fiel ein, dass sie ja du und du er bist, was mich so dermaßen irritiert, dass die postsemantische störung mit einem mal völlig haltlos auf dem boden der tatsachen festgewurzelt sein wird.

„’nun gut‘, sagst du“, sag ich und füge ein international durchgesetztes „ok“ anbei.

da stehen wir uns nun gegenüber in unserer männlichkeit, hören uns schnauben, dann tief einatmen und

singen. zwei- bis vierstimmig. noch höhere mehrstimmigkeit bedarf eines vorbereitenden blabliblabliblabliblabliblabliblabliblaaaas. darauf mussten wir aus gründen verzichten. im protokoll wird stehen: wir sangen bach, kuhnau, hiller, aber auch, vivaldi, rameau, schönberg, telemann und -tubbies. natürlich in alphatischer reihenfolge. wir hatten freude und konnten es, trotz unserer harten männlichkeit, zugeben. das protokoll wird in reinschrift übertragen und per e-mail an die beteiligten versandt werden geworden sein.

 

hochachtungsvoll, Ihr treuergebener

 

van roehlek

ps: wie ist es büchner derweil ergangen?

 

büchner

*büchner: woyzeck

 

 

 

 

 

jahresrückbrief (vertraulich)

Dezember 31, 2013

schätzelein,

ach du. wie geht es deinen gedanken in trübhausen? haben sie noch immer diesen ruf? schreib einfach. ich habe auch andere deiner briefe nie gelesen. also schreib. wir können uns gern einmal sehen. vielleicht. ach, eigentlich mag ich gar nicht daran denken. wie ist das wetter bei euch? habt ihr auch so einen vogel auf dem dach? einen storch? wir nicht. dafür ist das haus wahrscheinlich zu hoch. 400 meter. schafft ein storch das? wenn ja, haben wir womöglich doch einen? ist auch egal. gehst du gern einkaufen? heute gab es bestimmt etwas zum einkaufen. oder sagst du shoppen? aber einkaufen ist etwas anderes. shoppen sind schuhe und so und frühschoppen gibt es auch, hat aber nur bedingt damit zu tun. haha. es hat doch mit schuhen zu tun. fällt mir gerade auf. wenn du zum frühschoppen gehst, solltest du auf hochhackige verzichten. siehst du? alles ist mit allem verschmolzen. wie im märchen. aber gemüse kauft man. das isst man und deshalb heißt es kaufen. man kann zwar auch schuhe essen. allerdings nur bedingt. vor allem sollte man mit künstlichem magen auf schuhverzehr verzichten. bei verzehr fällt mir ein: inhaltsangabenverpackungsreform: ampeln regeln den verzehr. hahaha. oder sagst du lol? ach, das interessiert mich überhaupt nicht. du wirst meinen brief sowieso nicht lesen und deshalb schreib ich ihn auch gar nicht erst. nachher kommst du noch auf dumme gedanken. und davon hast du schon genug in deinem trübhausen.

tschüsschenküsschen,

anonym

nur eine frage noch

September 9, 2013

eine gute frage ist für mich eine, deren stärke darin liegt, eine antwort zu erzwingen und zugleich unbeantwortbar zu sein. sie verweist auf sich  und auf dich verweist sie, wenn sie auf sich selbst verweist. du weißt nicht, ob du ihr entkommen willst, du sucht nach einem ausweg, einer antwort und merkst, wie sehr du dich in der frage verstrickst.und dann verstrickt sie sich in dir: anfänglich fällt das atmen dir noch leicht, allmählich kommt dir ein druck in den körper, der sich später als brennen erweist, weil dies die frage ist, die sich zu domestizieren versucht. sie wohnt jetzt in dir. du bist ihr leuchtturm. sie lässt dich am leben, sie spielt mit deinem drang nach wahrheit, den sie dir eingepflanzt hat, dich am leben zu halten. sie gibt dir den rhythmus, der dich glauben macht, auf dem richtigen weg zu sein, weil der rhythmus sich schon wie ein stückchen antwort anfühlt. du weißt um die scherze der frage und weißt nicht, welche dies sind. du weißt und weißt nicht. das ist deine einzige antwort. aber sie ist der dünger der frage. und der dünger bist du.

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