leben im sowohl-als-auch

Februar 5, 2014

dies ist eine kleine selbstermutigung. da es aber vielleicht vielen so geht oder so ähnlich, kann es auch sein, dass es mehr ist als selbstermutigung. kann, muss nicht. die abschnitte sind recht schnell hingeschrieben und nicht immer ordentlich. es war ein loswerden-wollen und ein schreiben gegen die öffnungszeiten des cafés. die abschnitte haben alle persönliche, konkrete erfahrungshintergründe. die vielleicht nie ganz und nie in ihrer stärke durchkommen und sind zudem alles andere als vollständig und optimal ausgeführt. das sei mir verziehen. es ist zuerst nichts weiter als ein öffentlich zugängliche notiz. (einige wird sicher noch einmal an anderer stelle beschrieben.)

man kann position beziehen, ohne partei ergreifen zu müssen, ohne in familiäre blindheit zu verfallen. das kann auf andere unentschlossen wirken, ist es aber nicht. im gegenteil: es ist möglich, auf mehreren hochzeiten gleichzeitig zu tanzen und mir persönlich sogar notwendig. ein leben im sowohl-als-auch.

du kannst arbeiterkind sein und akademiker. dein aufenthaltsort ist das ‚und‘. vielleicht nie beides voll und ganz. aber in deiner voll-und-ganz eigenen prägung. das eine ist deine muttersprache. du kannst sie mögen oder nicht. zur sprache gehört mehr als vokabular und grammatik. zur sprache gehört eine jeweils eigene sphäre, die sprachlich unfassbar ist, weshalb es auch schwer ist, zu begreifen oder zumindest schwer zu vermitteln. es wird immer reste geben, die nicht versteh- und vermittelbar sind. es kann ein begriff sogar in beiden sphären dasselbe bedeuten, aber nicht selten in einer jeweils eigenen schwingung. das kann heimtückisch sein, da es einfach nicht auffällt. dann kommt das eher das gefühl auf, dass etwas nicht stimmt und man kommt nicht drauf und gibt sich, weil es am schlüssigsten erscheint, selbst die schuld. ‚mit mir stimmt etwas nicht.‘ ‚ich bin falsch.‘ dabei sind es die unterschiedlichen sphären, die, um bei der sprache zu bleiben,bestimmte wörter zu falschen freunden macht. es ist wie beim doppelten lottchen. es dauert eine weile, bis auffällt, dass es die nicht die tochter ist, für die man sie hält. sie sind sich ‚bildtönend‘ einfach zu ähnlich.

aber weiter im text:

du kannst sowohl hetero- als auch homosexuell sein. nie ganz homo, nie ganz hetero. du kannst auch alle anderen unendlich möglichen formen sexueller identitäten repräsentieren. du kannst es auch lassen und sagen, sexuelle neigung muss nicht unbedingt mit identität in verbindung gebracht werden. (die homosexuelle identität gibt es in der heutigen form eh erst seit dem 19. jahrhundert und wurde zur stigmatisierung und anomalisierung erfunden oder milder: zur therapierbarkeit. der ‚heterosexuelle‘ mensch war begriffliche folgeerscheinung, so wie der atheismus den theismus begrifflich voraussetzt.) du kannst also sagen: ich bin bi und das ganz und gar ’sowohl-als-auch‘, ganz und gar ‚und‘. du kannst bi sein und bist es, wenn du es bist, selbst wenn du den einen homosexuell bist und den anderen unentschlossen und noch nicht mutig genug, dich für eine seite zu entscheiden. das ist alles quatsch.

weiter im text:

du kannst links sein. du kannst auf demos gehen. du kannst eine klare position haben und du kannst gleichzeitig einige dinge nicht (für dich) akzeptieren. du musst nicht parteiisch sein, nur weil du eine orientierung hast, was für dich richtig ist. du musst die polizei nicht hassen, nur weil du auf der gegenkundgebung zu einer rechten kundgebung bist. du bist der antifa dankbar, dass sie so aktiv ist, netzwerkt und organisiert, widerstand leistet. aber du musst für dich nicht akzeptieren, dass der sprecher von anfang an auf konfrontation und eskalation setzt. du muss nicht akzeptieren, dass von einigen polizisten mit nazis gleichgesetzt werden, nur weil du auf position beziehst. du musst nicht einmal akzeptieren, dass die personen auf der eigentlichen kundgebung allesamt als nazis bezeichnet werden. denn es kann durchaus sein, dass dort auch mitläufer sind und, weil die kundgebung von einer ‚eltern-/bürgerinitiative‘ angemeldet wurde, auch tatsächlich besorgte bürger (nicht nur das euphemistische etikett ‚besorgte bürger‘, mit dem u.a. die npd spielt, wenn sie für eine masse spricht und eigentlich nur sich meint) anwesend sind, da die strategie aufging. diese menschen kann ich dann nicht als nazis beschimpfen, nur weil ich ihre derzeitige einstellung/haltung keinesfalls akzeptiere. und manche einstellungen sind mir widerlich, aber die menschen hinter dieser einstellung direkt mit denen zu verbinden, die diese einstellungen geschickt etablieren und ausnutzen, führt nur dazu, keine differenzierungsmöglichkeiten mehr zu haben. das klingt vielleicht hart, aber die unterschiedlichkeit, die man innerhalb der eigenen position findet (dort sind alle möglichen gruppierungen und hintergründe), kannst du auch anderen positionen anerkennen, selbst wenn dir diese position fremd und unverständlich bis widerlich erscheint. denn du weißt auch, dass es üblich ist, die eigene seite immer als besonders und vielfältig und mit breitspektrum und differenziert wahrzunehmen und (taktisch bewusst) zu beschreiben, die andere seite aber nicht. menschen, die man nicht mag, haben meist sehr wenige eigenschaften und die sind allesamt schlecht. – das heißt nicht, sich dem nicht zu widersetzen. ganz im gegenteil. dazu ein andermal mehr.

weiter im text:

etwas anderes. du kannst die sprachphilosophie und -analytik hoch achten, aber du musst deshalb nicht zugleich auch eine starke ablehnung gegenüber der hermeneutik und phänomenologie haben, nur weil es nicht unüblich ist. du kannst dich an beiden erfreuen, die jeweiligen instrumentellen schwächen mit den jeweils anderen instrumentellen stärken ausgleichen oder zumindest bereichern. vielleicht wirst du nie ein richtiger sophist, der sein metier perfekt durchdringen und wiedergeben kann, da ihm durch die kategorische ablehnung des anderen metiers theoretisch mehr zeit dazu bliebe. aber willst du das auch werden?

weiter im text:

theorie und praxis sind sehr wahrscheinlich selten deckungsgleich,weichen sogar stark voneinander ab. aber das spricht weder für das eine, noch für das andere, sondern für ein sowohl-als-auch. es spricht für die widersprüche, für das akzeptieren derer und für eine auseinandersetzung. wo liegen die widersprüche? wie kommen sie zustande? nicht im entweder-oder-, sondern im komplementären sinne wirken beide seiten aufeinander ein. sie sind zugleich seiten und zugleich nicht. und nicht zu vergessen, dass sowohl theorie als auch praxis zu einem großteil im kopf stattfindet, wahrnehmung und schlussfolgerung, theorie und praxis sind wahrnehmungs- und denkfiguren. und letztlich sind theorie und praxis an die sprache und das denken gekoppelte begrifflichkeiten. und praxis ist vorstellung/bild von ‚praxis‘, wie die theorie auch vorstellung/bild von ‚theorie‘ ist.

(jetzt wird hier gleich geschlossen. deshalb schick ich es schnell und unkontrolliert in den öffentlichen lesebereich, obwohl es zu kopflastig geworden ist. egal.)

also, mach dir nichts draus. leb im sowohl-als-auch. es ist gut so. es ist dein zuhause.

7 Antworten to “leben im sowohl-als-auch”

  1. Iris said

    Finde mich voll wieder. Mir geht diese selbstauferlegte Beschränkung durch die ständigen Oders und Abers so auf die Nerven. Das Vorgaukeln von Entscheidungsnotwendigkeit, das Erwarten von Positionsbeziehung. So überflüssig! Als wäre nicht genug Platz für alles.
    Das Sowohl-als-auch ist ein gutes Zuhause!
    Danke für deinen Text!

    • das freut mich. danke Dir.
      mir ist gestern noch aufgefallen, dass sowohl-als-auch noch nicht die optimale beschreibung ist, da es weniger der eigenen perspektive und mehr dem möglichen blick des anderen entspricht, den man selbst vielleicht auch einnimmt. aber grundsätzlich stimmt es natürlich.und darauf kam es ja auch erst einmal an.

      • Iris said

        Kann ich nachvollziehen. Vielleicht mal ein bisschen asoziieren: Pluralismus, Vielheit, Buntheit, Dies-und-das, ….
        Es geht auch drum, ein Spannungsfeld auszuhalten …

  2. Gré Perle said

    Danke,es entspricht mein Leben,Situation,die Möglichkeiten…geworden so! Ueberlebenskuenstlerin also. Und..im „Dazwischen“ ist auch leben.

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