rasche gedankenkritzelentwurferei* [privatsprache unmöglich]

Oktober 27, 2013

eine sache (kleinbanale sonntagmorgenkritzelei mit frühstückstisch und nicht geradesitzen):

es gelingt nicht, das geschehene gerecht zu beschreiben. es kommen nur wörter bei raus. der leser setzt sie mit seinen erfahrungen in einklang. in einen klang. wörter sind keine stimmgabeln. sie sind der schlag gegen die stimmgabel. die tischkante sind sie. manchmal auch die handfläche. da steckt dann leib im klang. ein stückweit. worte sind die absicht, etwas zum klingen zu bringen, durch tisch, schlag oder handfläche. und absicht. sagen wir absicht. dabei weiß ich nicht, wie es klingt. ich kenne deine stimmgabeln nicht. ich kenne deine vorliebe für den und den klang nicht. liebst du dissonanzen? oder rasche, leichte schläge? oder liebst du schweres, teppichdumpfes drücken? was liest du, wenn ich sage: baum?

baum. nichts sonst. du liest nicht kaffee oder huhn oder dreieck. du liest baum.

trotz allem liest du einen viel zu großen baum: weihnachtsbaum, obstbaum, kirschbaum, baumhacken, brennender baum, holz, laub, nadel und und und. all das passt da noch rein. schlag ein wörterbuch auf: jedes wort steht für sich, hat seinen eigenen platz und bedeutet doch viel zu viel. wörter sind polysem. ohne kontext bedeuten sie mitunter soviel, dass man gar nicht weiß, was man damit anfangen soll. was soll ich mir vorstellen? oder: ist diese vorstellung  richtiger und besser als jene?

das ist gefahr und chance. denn siehe: ganz gleich, wie einzigartig ein erlebnis ist, du musst, um es mitteilen zu können, auf platzhalter ausweichen. platzhalter und kategorien. mehr ist die sprache nicht: sie ist eine aneinanderreihung von klassen. dort kommt das besondere, das gemeinte drin vor. aber es ist flüchtig. kaum hat man es, gerinnt es auch schon wieder durch das netz der sprache. und glaube mir, man kann das netz noch so fein spinnen, das besondere rutscht immer durch, springt innerhalb der kategoriengrenze wach hin und her. lässt sich einfach nicht einholen. der leser versteht also immer nur ungefähr und muss das wort bereithalten für seine stimmgabel.

so kann ich aber auch schreiben was ich möchte. ich kann intimstes preisgeben, ich könnte beschreiben, wie ich masturbiere. nie wird es über die sprache gelingen, mich dabei vorstellen zu können und zwar so, wie es wirklich stattfindet. du siehst nur möglichkeiten oder eigene erfahrungen. aber wenn du erfahrungen siehst, dann weißt du bescheid. es ist etwas, was wir dann teilen. wir beide masturbieren. wir befriedigen uns. das ist dann etwas gemeinsames. wenn du leiblich verstehst, dann teilen wir das und ich brauch mich dennoch nicht ausgeliefert zu fühlen. weil ich details gar nicht vermitteln kann. nicht via sprache.

sprache ist brücke und mauer zugleich.

aber es ist auch so: du erzählst von einem schönen ort in leipzig. ein anderer wird später einmal sagen können: das muss es sein. davon hat er erzählt. hier eine besonderheit und da. alles stimmig. vielleicht habe ich es mir zuvor anders vorgestellt, ich weiß nicht mehr so genau, ein aha-gefühl ist noch da. ja ich habe es mir anders vorgestellt. aber diese besonderheiten, diese details. alles passt. alles ist stimmig. so hat er es erzählt. er hat zwar von den und den dingen nicht berichtet, obwohl sie mir direkt ins auge springen, und seine besonderheiten hätte ich vielleicht sonst nicht wahrgenommen. aber er hat es gesagt. es schien ihm wichtig zu sein und habe sie dadurch auch direkt erkannt. anders vorgestellt vielleicht, aber erkannt. und er hat es mir erzählt, weil es ihm wichtig war. er hat gestrahlt dabei: schau dir das unbedingt an. er wollte es mit mir teilen.

und gefühle? wie ist es mit gefühlen? wie mit schmerzen? was sagt die sprache dazu? wir können einander verstehen und verstehen nichts, was außerhalb der sprache liegt – als zu vermitteln und doch, weil wir die sprache haben, zu verstehen. weil wir ein gemeinsames haben, nicht verstehbares zu transportieren. wir können sagen: ich habe schmerzen. jeder wird verstehen und niemand. aber niemand als jedermann. denn wir alle haben teil am ’sprachspiel‘ „schmerz“. wir alle, die ’schmerz‘ verstehen, mit all seinen bildern und folgerungen, haben teil daran. schmerz ist unser gemeinsames thema, auch wenn wir als empfindendes subjekt nur dessen variation kennen und die variation mittels gemeinsamer sprache zum thema machen müssen, um verstanden zu werden. schmerz gibt es nicht als kategorie, wie es röte nicht gibt, mann nicht und frau nicht und liebe nicht … schmerzen kann nur jeder einzelne haben, nur konkrete gegenstände können ‚rot‘ sein (bitte kein physikveto), nur jeder einzelne kann lieben. die sprache sagt vielleicht, was dazugehören darf zur liebe, weil sie den namen gibt, aber dieser name beruht auf vereinbarungen, nicht auf etwas absolutem. und doch fühlt es sich so an. der sprache gelingt es, liebe zu sagen, als wäre es etwas, was außerhalb des menschen existiert. als idee. neeneenee. und schon gibt es all das genannte doch als kategorie. und kazegorien sind wichtig, man darf nur nicht vergessen, dass hier nicht gilt: das konkrete ist aus der kategorie ableitbar. darin liegt nämlich ein fataler irrtum. die kategorie ‚verkörpert‘ keine summe. und zudem ist die kategorie nur in der sprache zuhaus. das problem: nur über die sprache ist das sein verhandelbar. und doch hinkt die sprache der wirklichkeit immer hinterher. sprache ist die zeitung von gestern.

zurück zur liebe: liebe ist, weil wir lieben können. und lieben können wir, weil ‚liebe ist‘. ein zirkel. aber nur zum schein. denn hinter ‚liebe ist‘ steckt eine konvention, steckt sprache, steckt gemeinsames ‚verstehen‘. wenn wir über die liebe, ihre tabus, ihre gebote verhandeln, dann verhandeln wir über die sprache und nennen es ‚liebe‘. mit dem lieben an sich, mit dem empfinden außerhalb der sprache, hätte es nichts zu tun, sofern es überhaupt etwas gibt, dass sich als lieben beschreiben ließe, was allerdings sprache und konventionen des beschreibens und verstehens voraussetzte, denn auch ‚jemanden lieben‘ ist sprache.

und nun stell dir vor, zwei sitzen sich in einer bäckerei gegenüber, schauen aus dem fenster, sehen beide etwas besonderes, wissen das voneinander und es gelingt ihnen nicht, sich das besondere ereignis gegenseitig zu beschreiben. sie sagen: schau mal und zeigen und beide wissen um eine tolle erfahrung.

 

*ausgehend vom berühmten käfer-gleichnis wittgensteins:

Angenommen, es hätte jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir ‚Käfer‘ nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Anderen schauen, und jeder sagt, er wisse nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. […] Das Ding in der Schachtel gehört überhaupt nicht zum Sprachspiel, auch nicht einmal als ein Etwas, denn die Schachtel könnte auch leer sein.“ (Philosophische Untersuchungen 293)

 

3 Antworten to “rasche gedankenkritzelentwurferei* [privatsprache unmöglich]”

  1. Iris said

    Und was ich vor mir sehe und empfinde, wenn ich Deinen Text lese, weicht vermutlich ab von dem, was Du siehst und empfindest beim Schreiben. Vielleicht weicht es sogar stark ab. Vielleicht auch nicht. Vielleicht weicht es überhaupt nicht ab, sondern ist absolut identisch. Könnte doch sein, oder? Es lässt sich weder das eine noch das andere nachweisen. Aber ein Empfinden von Nähe ist da, das, wenn es beidseitig empfunden ist, vielleicht nicht absolut identisch ist, aber dennoch wahr und schön.
    Mir gefallen Dein Text sehr, sehr gut.

    • oh ja, liebe iris, es könnte durchaus sein, dass vieles identisch (empfunden) sein kann. das stimmt wohl. dafür sind wir vermutlich rein biologisch so verwandt, dass es eine hohe wahrscheinlichkeit dafür gibt. die neuronale verarbeitung unterscheidet sich qualitativ, aber nicht prinzipiell. und auch wenn kleinste nuancen zu größtmöglichen differenzen führen kann, muss es das nicht. und ja, das ist so spannend und traurig(?) zugleich, es nie wissen, bestenfalls davon ausgehen zu können. aber dass wir überhaupt miteinander reden können, zumindest gemeinsame orientierungs- und sinnwelten errichten können, über gemeinsames symbolverstehen verfügen, quasi schon über die fähigkeit der symbolisierung verfügen, spricht sehr dafür, dass wir uns auch im subjektiven empfinden nahe sind. innen- und außenwelt sind sehr mit- und ineinander verwoben. und vielleicht ist eine trennung beider eh nur künstlich. vielleicht. zumindest in ihrer strenge. hm.

  2. Iris said

    Mir GEFÄLLT Dein Text, soll es natürlich heißen. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: