wave gotik treffen. am tag danachgedacht.

Mai 21, 2013

seit nunmehr zum 22. mal sind in leipzig pfingsten und wgt eng miteinander verwoben. in der gesamten stadt präsentiert man sich facettenreich schwarz (nicht nur schwarz, versteht sich). seit einigen jahren weiß die stadt(beziehungsweise deren geschäfte) bestens davon zu profitieren. das ist aber ein anderes thema.

die szene ist so ausdifferenziert, dass es sinnvoller wäre, von bewegung zu sprechen. szene suggeriert ein zu großen gemeinsamen nenner. dabei gibt es innerhalb der bewegung unterschiedlichste musikalische und daran gekoppelte metaphysische (ich meide bewusst ‚ideologische‘) ausrichtungen. mal sehen, was mein kopf gerade ausspuckt:

dark wave, ebm (electronic body music), neofolk, industrial, metal (in allen facetten), post-punk, gothic-punk, ’neue deutsche todeskunst‘ (am intensivsten zwischen anfang und mitte der neunziger), neoklassik, noise, seit anfang 2000 gibt es auch vermehrt verknüpfungen zur cosplaykultur…und und und . gothic-rock ist eher als ein sammelsurium verschiedenster einflüsse zu verstehen und existiert nicht als solches.

in der zeit, als ich grufti war (1993/4-1997) schien das sicher noch übersichtlicher, wenn auch ebensowenig einheitlich. ich selbst war immer starker anhänger der neuen deutschen todeskunst und hör(t)e vor allem gruppen/projekte, die sich witzigerweise allesamt  in den wendejahren gründeten: das ich, goethes erben, umbra et imago, sopor aeternus, law of the dawn. und auch das erste erste lacrimosa-album „angst“ steht im regal (ja, ich schäme mich).

der schwarzen „szene“ angehören hieß, sich gemeinsam an einem ort zu treffen, dort aber unterschiedlich zu agieren. in der stadt brandenburg waren es vielleicht ~50 leute jeglicher couleur. auf der tanzfläche waren die unterschiede am besten zu erkennen: die einen stampften zu and one vorzurück, was andere vertrieb, umbra et imago ließ fetischleute aufatmen und sopor aeternus zog die düsteren patchoulikleiderfransen wie mich auf die tanzfläche. dort starben wir dann herrlich grausam einen tod nach dem anderen.

in den neunzigern assozierte man uns zuerst mit satanisten. und ja, es gab und gibt sie. sie bilden eine minderheit, die die grufti-szene nur zufällig streifte, sie aber keineswegs auszeichnete.

zur unterstellung, gruftis seien satanisten gab es damals einen tollen ironischen kommentar:

heute höre ich eher, gothics seien rechts. auch dies ist natürlich großer humbug, was nicht heißt, dass es keine rechten tendenzen innerhalb der bewegung gibt. ganz im gegenteil. aber der gesamten bewegung dies zu unterstellen, ist mehr als fahrlässig. bezeichnend seien hierfür die aktionen der antifa, die, wie in vielen anderen bereichen auch, aus einem bestehenden problem induktive fehlschlüsse produziert, und dabei gern übersieht, dass selbst veranstaltende und besuchende des wgt mit diesem problem kämpfen. und natürlich ließe sich berechtigterweise fragen, wie es zum beispiel im jahre 2000 dazu kommen konnte, dass auf der parkbühne versammelt bands des rechten spektrums spielen durften. was haben die veranstalter da übersehen oder durchgehen lassen? die stadt schritt zwar ein und untersagte dem sänger von von thronstahl den auftritt, was aber die band selbst nicht davon abhielt zu spielen, sich zu inszenieren und unter anderem mit einer fahne zu wedeln, auf der die schwarze sonne abgebildet war und zwar in der form, wie sie zuallererst im mosaikboden der wewelsburg zu sehen war. auch die gruppen allerseelen, death in june, blutharsch, kirlian camera sich symboliken u.a. dem runenkult und heldenmythos entlehnt, aber in gewählter form erstmals im dritten reich in erscheinung traten, darüberhinaus inszenier(t)en sich einige bands so, dass assoziationen mit dem dritten reich zwangsläufig auftreten.

alles in allem gab es einen guten nährboden, den selbst npd und jn immer wieder für ihre saat nutzen wollten.

es gibt also ein problem. eins, dass sich in keiner weise schönreden lässt. aber es darf daraus nicht der schluss gezogen werden, dies träfe für die gesamte schwarze bewegung zu. genausowenig ließe sich von rechten tendenzen und alltagsrassismus auf die ‚haltung‘ der gesamtbevölkerung schließen. erstens ließe das die eigentlich üblen wurzeln nicht mehr erkennen oder analysieren und andererseits untergräbt es die versuche der bewegung selbst, sich dem problem anzunehmen, bzw. sich aktiv zu distanzieren. und solche versuche gibt es. als beispiel sei hier ’schwarz statt braun‘ angeführt.es gibt sehr wohl kritische auseinandersetzung mit der eigenen bewegung, auseinandersetzung von innen.

natürlich gibt es viele anknüpfungspunkte für rechte tendenzen. manche richtungen leben ihr neoromantisches oder ihr heidnisches dasein. das macht es mitunter auch oft verdammt schwierig, unterscheidungen zu treffen. im falle von death in june rätselt man immer wieder, ob nun rechts oder nicht und man findet (eindeutige) indizien weniger in der musik als in der inszenierung und ästhetisierung der konzerte sowie anhand der veranstaltungsorte.

johannes lohmann und hans wanders bringen in ihrem beitrag zum buch „RechtsRock. Bestandsaufnahme und Gegenstrategien“ (hrsg. christian dornbusch und jan raabe) das problem des uneindeuttigen wiefolgt auf den punkt:

„Rufen manche Konzerte auch bewusst die Assoziation vom heroischen Kampf im Schützengraben, von Kameradschaft, Männerbund und NS-Fackelzauber hervor, so ist es doch nicht der leibhaftige Nationalsozialismus mit all seinen Konsequenzen, sondern hier wird sich nur jenen ‚reinen‘ Eigenschaften wie Aufrichtigkeit, Standhaftigkeit und Heldenmut bedient. Inszenierung und Ideologie wird auf bloße ‚Kunst‘ reduziert und ihr faktischer Kontext geleugnet. Dieser faschistische Kontext ist jedoch zwangsläufig bei einer derartigen Inszenierung präsent.“

heidnischer kult, heldenmythos etc. hat mir nie was bedeutet und mir persönlich stößt es auch auf. aber bis zu einem gewissen grad ist das spiel mit dem bezug zum heidentum, mit dem bezug zur runenwelt und zur symbolik hinnehmbar und zwar sofern darhinter eben keine rechtsideologischen ansichten und haltungen stehen. selbst dem leidenschaftlichen tragen von uniformen kann ich nichts entgegensetzen, auch wenn es mich enorm stört, sofern sich hinter diesem tragen keine ideologie, sondern ein fetisch verbirgt und auf anspielungen verzichtet wird.  und das ist der unterschied: ich persönlich lehne all das für mich ab und habe gründe für diese ablehnung, aber mir steht es nicht zu, daraus die maxime einer generellen ablehnung abzuleiten und damit letztlich den blick für das eigentliche problem zu verstellen.

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