für goran

November 16, 2012

1997

ich kam frisch aus der psychiatrischen klinik in die zehnte. eine ehrenrunde, da der erste versuch aus sozialen gründen und ängsten scheiterte. es war eine gesamtschule und mein wunsch war es, meinem hauptschulniveau zu entkommen und über die zehnte hinauszugelangen. doch auch der zweite anlauf reichte nicht zum abitur. ich war emotional nicht reif genug, das ausgegrenztsein zu verkraften.

wäre da nicht der schulchor gewesen,ich hätte auch diese runde nicht durchhalten können. musik spielte an der schule keine rolle. unsere musiklehrerInnen wurden oft genug überrumpelt von jugendlicher coolness. auch herr t wusste ein lied davon zu singen. sein lied: thema und variationen. es dauerte kaum eine minute, da wurde die moldauplatte durch gangsta-rap ersetzt. die anwesenden bestimmten den lehrplan. die anwesenden legten die unterrichtszeiten fest. die anwesenden waren immerhin anwesend. was wollte man mehr. herr t  konnte da nicht viel machen. er war taff, aber handgreiflich wollte er nicht werden. die drei anderen musiklehrerInnen blieben irgendwann ihren unterricht fern.

auch ich blieb fern. abwesend. irgendwann blieb ich einfach fern. ich war wieder im alten spiel. blieb der musikstunde fern, der deutschstunde, der sportstunde sowieso. manchmal ging das tagelang. hatte begriffen, dass die schule kein ort zum lernen ist. wer lernen will, sollte sich von der schule fernhalten. lernen ist gefährlich und führt unweigerlich zum ausschluss. und die prügel der gegenverschworenen langweilen mich. nein. das kann ich nicht. ich will weg von der schule. nur weg.

wäre da nicht der schulchor. eine winzige ansammlung ausgestoßener. ein mikrososzialprojekt. dass musik in dieser bildungsstätte ein tabuthema war, sah man unserem chor an. wir waren zu acht. zu acht! für diese riesige schule ein witz. für uns aber ein guter.
darf ich vorstellen:

katharina die streberbrillenschlange

martin die schwule sau

bettina hinkebein

jasmin die fette pickelvisage

thomas der spacko

assi-van-roehlek

herr zett in der rolle als chorleiter

und goran das ausländerschwein

mit goran verband mich eine enge freundschaft. ich habe ihn geliebt und bewundert dafür, mit welcher gelassenheit er allen umständen trotzte. als wäre es nichts, ständig gedemütigt zu werden, bespuckt und angefeindet. sicher, es gab viele tränen bei ihm, aber dann kam ein: sebastian, das wird schon. das leben ist schön.

goran spielte leidenschaftlich e-gitarre. außerhalb des chors seine einzige möglichkeit, einen ort zu haben für sich. einen winzigen, bewohnbaren ort. musik machte jede widrigkeit zunichte. da war dieser raum, da war der klang, die stimme, die liebe. sie war immer da. da waren die lieder aus seiner heimat. bei ihm. in ihm. das konnte keine behörde ihm nehmen, keine schule, kein mensch. goran strahlte, wenn er musik war.

er wohnte mit seiner familie am rande der stadt. in einem behausungsähnlichen etwas. ein asylbewerberheim. er und seine familie waren flüchtlinge aus dem ehemaligen jugoslawien. seine eltern waren was in der heimat. hatten ein stabiles, würdiges leben. bis…

nun hausten sie am rande der stadt in einem raum mit kochnische – mit bad auf der etage. hausten zu dritt in diesem raum: muttervatersohn. und die e-gitarre als tür zur verschlossenen heimat. sie hausten dort, weil die heimat keine mehr war. verschwunden, restlos ersetzt durch angst und angst und angst.

kamen aus der angst in die angst. kamen, um geduldet zu werden, um kein leben führen zu dürfen, ohne arbeit, ohne reisen, ohne geld. dafür mit viel wirbraucheneuchnicht, parasiten. ausländerschweine.

bei diesen ’schweinen‘ fühlte ich mich zuhause. so saß ich oft bei ihm und der gastfreundschaft seiner eltern. pita burek gab es, süßes, tee und ganz viel herzlichkeit. sie saßen da und teilten, in größter güte. saßen. in einer anstalt die deutschland heißt. saßen in der gewissheit, morgen womöglich schon nicht mehr bleiben zu dürfen, zurückgeworfen zu werden in ein wasgehtdasunsan. abschiebung genannt.

erlaubt war goran der besuch einer schule. er lernte so schnell deutsch, dass man nur staunen konnte. er war ein brillianter schüler. zu allem übel seines ausländerschweinseins auch besser als die meisten seiner klasse. er wollte zeigen, was er kann und beweisen, dass er gut war und bereit, zu geben, sich einzubringen – wenn man ihn (und seine familie) nur ließe.

der chor brachte all die zu einer gemeinschaft, die in keiner sein durften. das war der chor. ein wir. endlich ein wir. ein wirmoment aus menschen, die lernen mussten, nur sich selbst zu haben.ungeförderte autodidakten. manche wurden dabei meister in hilflosigkeit, goran blieb meister im kämpfen. ein bewundernswerter mensch.

während ich die schule nach der zehnten verlassen musste, kämpfte er und kämpfte und

kurz vor dem abitur erfolgte die abschiebung –

in ein leben, in eine wirklichkeit, fernab von einem ort der ankommen heißt.

goran, ich wünsche Dir die ewige heimat ‚musik‘. Du bist ein guter mensch. ein guter.

verkaufen wir das pferd

verkaufen wir das haus

lass uns tanzen

5 Antworten to “für goran”

  1. snoopylife said

    danke für text und musik. immer wieder wichtig, uns daran zu erinnern, wie verdammt gut es uns (bei allen unzulänglichkeiten) hierzulande geht.

  2. MelusineB said

    Ein sehr berührender, schöner Text.

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