bewegnung

September 17, 2012

hatte eben eine wunderbare begegnung. eine frau kam zittrig schüchtern auf mich zu und fragte mich, ob ich etwas geld für sie hätte. diese frage hören wir wohl alle (mehrmals) täglich. hier war etwas anders. während man manchmal schon abgestumpft ist oder sich dabei erwischt, wie man nach sympathie geht. sprich: nach dem ersten, trügerischen eindruck.
all das war hier anders. sie stand scheu in einem der zahlreichen bögen leipzigs. scheu und tiefverloren. ich spürte förmlich, an welchem wie es ihr wohl gerade gehen muss. eine frau, die sich zutiefst dafür schämte, für ihre situation, für ihre „bettelei“. ich kramte in meinem portemonnaie und gab ihr, was ich geben konnte. viel zu wenig. aber wenn man selbst schon einige male erfahren hat, was für einen teufel wir mit der erfindung des geldes in die welt gelassen haben, einen, der immer dann zum vorschein kommt, wenn kein geld da ist, ihn zu verschleiern. und natürlich gibt es den teufel nicht. nicht, dass ich wüsste. es ist alles unser spiel.
ich gab der frau sehr gern, wohl wissend, selbst kaum welches zu haben. sie aber hat noch kaumer welches. deshalb verzeiht mir bitte. immerhin habt ihr alle dazu beigetragen, dass es dieser frau heute besser geht.
das besondere dieser begegnung aber kommt erst noch:
sie sei seit über einem monat arbeitslos und das amt habe noch nichts überwiesen. der vorschuss reichte gerade, um das nötigste abzudecken. gestern musste sie sogar schon beim nachbarn klingeln, um nach etwas brot zu fragen. bald bekäme sie, das sicherte das amt ihr zu. sie habe immer gearbeitet. und nun das.
sie stand ihr leben lang hinter der theke. die längste zeit in einer schwulenbar. und dann fingen ihre augen zu leuchten an. einer ihrer stammgäste war der choreograph uwe scholz. nun spitzten sich meine ohren. sie erzählte, wie sich über die jahre eine wunderbare freundschaft zu ihm entwickelte, wie sie sich gegenseitig besuchten. „wenn er wüsste, was ich jetzt hier tue. er hätte das niemals zugelassen“, warf sie in die gegenwart. wir waren uns immer eine hilfe. seine alkoholsucht, seine schweren depressionen. in ihm hatte sie jemanden, der einfach nur mensch war. nicht einknickte vor ihm, den weltstar, den man überall haben wollte. sie erzählte und schwärmte viel von ihm, von diesem herzensmenschen. viel zu früh sei er gestorben. viel zu früh ist er gestorben. dieser geniale choreograph, den ich schätze und bewundere, seit ich mich für ballett interessiere. seit anfang der neunziger hing in meinem zimmer ein bild von ihm. für mich war es immer ein großer traum, ein werk von uwe scholz in leipzig zu sehen. geschafft habe ich es bis berlin, zu einer choreographie für das damalige staatsballett. und geschafft habe ich es, repertoire-stücke zu sehen. nach seinem tod. nun war er anwesend, seine werke, seine gestalt. anwesend in den leuchtenden augen jener frau. anwesend in meinem kopf. wir lebten gemeinsame begeisterung und kamen uns näher dadurch. bücher hat sie von ihm zuhause. signierte. geschenke von ihm. traumhafte geschenke.
wir treffen uns nun zu einem kaffee. sie möchte mir bilder zeigen und die bücher.
und ohne dass ich es ihr ausreden konnte, weil es eine zu große geste wäre:
für sie scheint es eine dringende sache und eine notwendigkeit, mir eins dieser bücher zu schenken.
sprachlos vor rührung waren wir beide. weil dieser tag einer der unwahrscheinlichen ist. einer dieser tage, die es nie geben wird.

 

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