„Ein Mann, nicht selig zu preisen, fürwahr“

März 19, 2012

ich erinnere mich.

ich erinnere mich an die musiktheorie-professorin, die ihrem vortrag zur schauspielmusik mendelssohn-bartholdys – genauer: es handelte sich um mendelssohns ‚oedipus in kolonos‘ – eine kurze anspielung des werkes voranstellte. es erklang ein chor. dann lösten bläser den chor ab. ihren eigentlichen vortrag begann sie mit den worten: wie wir alle gehört haben, setzten die bläser um einen achtelton tiefer ein. – das auditorium verschmolz zu einem einzigen fragezeichen: was sollen wir gehört haben? einen achtelton tiefer? selbst die, die wussten, was ein achtelton ist, haben es wohl kaum hören können; von ausnahmen einmal abgesehen. ich selbst gehörte zu denen, die zwar wussten, was das ist, ein achtelton, aber hören? dafür war der wechsel einfach zu schnell, der lauf, der daraufhin folgte. nicht einmal hätte ich sagen können, dass da was nicht stimmt. nicht einmal das. vielleicht durch einen vorherigen hinweis. aber so? sie sagte: wie wir alle gehört haben, setzten die bläser um einen achtelton tiefer ein.

nun war es aber nicht so, dass sie das aus überheblichkeit sagte. dass sie das fragezeichen provozieren wollte. sie sagte es aus voller überzeugung. sie glaubte daran. ihrer angst und ihren weiteren entschuldigungen innerhalb des vortrags war dies zu entnehmen. sie glaubte, etwas selbstverständliches gesagt zu haben. ja, vielmehr klang es aus ihrem mund wie eine entschuldigung. als wollte sie eigentlich sagen: verzeihen sie vielmals, aber ich habe keine bessere aufnahme finden können.

sie grub sich tief in mein gedächtnis. diese frau, die mir so viel neues und wunderbares erzählte und gleichzeitig die gesamte zeit über in demutshaltung war, in ungesunder: mir tut es leid, ich habe es nicht besser machen können. mir tut es leid, sie wissen das alles schon, ich erzähle ihnen sicher nichts neues. mir tut es leid, ich bin hier fehl am platz, ich habe nichts beizutragen.

sie grub sich mir deshalb ins gedächtnis, weil sie mir leid tat. und weil sie mir spiegel war.

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