polyunisex

Februar 20, 2012

Was fragst Du nach meinem Geschlecht
Tydeus mutiger Sohn.
Wandeln sich die Geschlechter nicht
wie die Blätter im Herbstwind?
Homer

 

dieser text enthält nichts und kommt äußerst altbacken daher und ist zuhöchst banal. er sagt nur sehr ungenau, was ich denke. und er enthält keine wissenschaftlichen stützverweise, die sogar bis in die antike reichten.

sicher mag es nur ein glaube sein, da ich nicht in ein weibliches gehirn schauen kann. aber in wie viele weibliche gehirne müsste ich schauen, um daraus den schluss ziehen zu können, dass das weibliche gehirn anders funktioniert? und was wäre damit bewiesen? der natürliche, genetisch bedingte unterschied weiblichen andersseins? was, wenn sich kulturelle und soziale prägungen im gehirn manifestieren? ein alter hut. wieviel einfluss haben hormone wirklich? und ist eine frau mit hohem testosteronspiegel dann keine frau? und ein mann mit hohem östrogenspiegel kein mann? in welchem verhältnis sollen hormone stehen, um von richtigem verhältnis zu sprechen? ist man nur dann weiblich oder männlich, wenn man sich an die richtlinien hält? und basierten diese richtlinien auf statistischen werten? und übershaupt, von welcher art männlichem gehirn musste man ausgehen, um das anderssein des weiblichen gehirns zu postulieren?

es geht mir nicht um die leugnung phänotypischer unterschiede, es geht mir aber um die leugnung eines prototypen, von denen der mensch mehr oder weniger abweicht. es gibt keine abweichungen, da es keinen euklidischen idealgeschlechtskreis gibt. vielmehr sehe ich das weibliche und das männliche, und zwar in allen varianten, in ein und demselben spektrum menschlichen seins angesiedelt. das weibliche und das männliche sind daher auch zwei kategorienbegriffe, die im idealfall abgeschafft werden könnten, wären sie nicht zu sehr in der sprache verankert. diese begriffe sind an sich bedeutungslos, da sie nicht imstande sind, auf die wirklichkeit außerhalb sprachlicher normen zu verweisen. sie führen sogar bis heute noch zu dem bekannten dilemma, dass sich transsexuelle, transgender etc. für einen ort innerhalb des binären geschlechtersystems entscheiden und sich die „hausordnung“ des jeweiligen ortes einverleiben müssen.

ich glaube an unterschiede, aber an unterschiede  innerhalb ein und desselben spektrums menschlichen seins, noch dazu an graduell wandelbare.

wir sind uns einer und vieler in einem. und das ist gut so.

4 Antworten to “polyunisex”

  1. Ich bin ganz einig mit dir. An „natürliche“ Wesenszüge von Männern und Frauen glaube ich nicht (also daran, dass Hormone Charaktereigenschaften und Weltanschauungen produzieren). Allerdings glaube ich, dass die kulturellen Prägungen sich tief bis in unser Körperempfinden eingeschrieben haben. Und dass der Weg zu mehr Freiheit nicht über eine Leugnung der Differenzen führt („Wir sind doch alle Menschen.“), sondern sich eröffnet, indem wir uns der Differenzen bewusst werden. Ich kann mir ja nicht auf einmal eine nicht-patriarchalische Kulturgeschichte basteln, sondern muss herausfinden, wie ich mit dem Erbe umgehe, das mich prägt. ich glaube sogar, dass Frauen da einen Vorsprung haben, weil sie sich mit ihrem Frausein kritisch beschäftigt haben. Wenn Männer sich mit der Konstruiertheit von Männlichkeit beschäftigen werden (und dessen Vielfalt entdecken- einige sind ja schon auf dem Weg – wie Du zum Beispiel), kann es spannend werden. Nicht weil es dann keine Unterschiede mehr geben wird: aber ganz viel „Queeres.“ Und da freue ich mich drauf.

    • da stimme ich mit Dir vollkommen überein. mir lag nur gerade nicht daran, aufzuzeigen, wie der status quo hinterfragt werden soll. das führt nämlich ganz sicher über die auseinandersetzung mit den differenzen, ihre konstruiertheit vs ihrer natürlichkeit. diese auseinanderzusetzen wird feinfühlig machen können, aber leider auch keine wahrheiten aufdecken können. deshalb ist es bei mir auch nur ein glaube. aber einer, für den es sich allein schon aus ethisch-moralischen gründen lohnt, einzusetzen. es ist aber mehr als ein zweckglaube, sondern tief verankert, nahezu meine tiefste und aufrichtigste überzeugung. und ich glaube allerdings nicht wirklich, dass der vorsprung der frauen so enorm ist. wenn man mal von einer möglichen, beobachtbaren defensivhaltung der männer absieht, sind die bedingungen für ein neues gleichgewicht noch nicht ganz gegeben, da oft noch, und zwar auf ‚beiden‘ seiten kämpfe stattfinden, die dazu dienen, was auch wichtig ist, die eigene position zu rechtfertigen. diese ‚kämpfe‘ sind enorm wichtig, weil sie dazu beitragen, nicht nur über neue möglichkeiten des verstehens nachzudenken, sondern auch in der lage sind, auch den bequemen zur auseinandersetzung zu nötigen. die frage ist nur, wie weit muss gekampft werden? wo ist nur noch purer aktionismus? wo hätte sich längst schon ein weg gefunden, gemeinsam -als menschen, nicht als frauen und männer- an einem neuen menschenbild zu basteln. denn letztlich sind wir viel zu sehr kultur. an die wahrheit kommen wir allein schon wegen des sprachgebrauchs nicht ran. glaube ich. und bezüge zur natur brächten letztlich auch nicht viel, da wir imstande sind, diese, zumindest mental, zu überwinden und sogar materiell durch wechselwirkungen zu formen.

  2. Momentan lese ich wieder viel Diotima- eine feministische Philosophinnen-Gruppe aus Italien. Deren eher tastendes, suchendes und gemeinschaftliches Denken hilft mir sehr. Für die Reflexion von Männlichkeit habe ich viele Anregungen bei Thoni Tolen gefunden („Verlust der Nähe“). Und momentan besuche ich eine Fortbildung von dissens in Berlin, die mich auch an meine Grenzen treibt.
    Für Frauen (und viele nicht weiße, nicht heterosexuelle, nicht bürgerliche Männer auch), denke ich, ist die eine allgemein gedachte „Menschlichkeit“ auch immer (noch?) eine Falle. Denn „der Mensch“, der hier historisch und bis in die Gegenwart gedacht ist, erweist sich nur zu oft als der heterosexuelle, weiße, bürgerliche Mann, der schlicht voraussetzt seine Wahrnehmung sei die allgemein Menschliche.

  3. textgruen said

    (Kein) Zufallsfund – passte grad, schien mir… Wenn auch nur auf einige gewisse Weisen, nicht in allen Hinsichten… wie immer – wahrnehmen, nicht urteilen, um Verstehen und Verstand zu fordern und zu fördern, oder so ähnlich: http://www.tagesschau.de/inland/intersexualitaet100.html

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