selbstbanalgespräch (zugfahrt von berlin nach leipzig/interconnex 17.07-18.30)

Januar 7, 2012

eine schreckliche sache:
es gelingt nicht, das geschehene gerecht zu beschreiben. es kommen nur worte bei raus. der leser setzt sie mit seinen erfahrungen in einklang. in einen klang. worte sind keine stimmgabeln. sie sind schlag gegen die stimmgabel. die tischkante sind sie. manchmal auch die handfläche. da steckt dann leib im klang. ein stückweit. worte sind die absicht, etwas zum klingen zu bringen, durch tisch, schlag oder handfläche. und absicht. sagen wir absicht. dabei weiß ich nicht, wie es klingt. ich kenne deine stimmgabeln nicht. ich kenne deine vorliebe für den und den klang nicht. liebst du dissonanzen? oder rasche, leichte schläge? oder liebst du schweres, teppichdumpfes drücken? was liest du, wenn ich sage: baum?
baum. nichts sonst. du liest nicht kaffee oder huhn oder dreieck. du liest baum.
trotz allem liest du einen viel zu großen baum: weihnachtsbaum, obstbaum, kirschbaum, baumhacken und und und. all das passt da noch rein. schlag ein wörterbuch auf: jedes wort steht für sich, hat seinen eigenen platz und bedeutet dennoch viel zu viel. der fachmann sagt, sie sind polysem. ohne kontext bedeuten sie mitunter soviel, dass man gar nicht weiß, was man damit anfangen soll. was soll ich mir vorstellen? oder: ist diese vorstellung  richtiger und besser als jene?
das ist gefahr und chance zugleich. denn siehe: ganz gleich, ob einzigartig ein erlebnis ist, du musst, um es mitteilen zu können, auf platzhalter ausweichen. platzhalter und kategorien. mehr ist die sprache nicht: sie ist eine aneinanderreihung von klassen. dort kommt das besondere, das gemeinte drin vor. aber es ist flüchtig. kaum hat man es, gerinnt es auch schon wieder durch das netz der sprache. und glaube mir, man kann das netz noch so fein spinnen, das besondere rutscht immer durch, springt innerhalb der kategoriengrenze wach hin und her. lässt sich einfach nicht einholen. der leser versteht also immer nur ungefähr und muss das wort ansetzen für seine stimmgabel.
so kann ich aber auch schreiben was ich möchte. ich kann intimstes preisgeben, ich könnte beschreiben, wie ich onaniere. nie wird es über die sprache gelingen, mich dabei vorstellen zu können und zwar so, wie es wirklich stattfindet. du siehst nur möglichkeiten oder eigene erfahrungen. aber wenn du erfahrungen siehst, dann weißt du bescheid. es ist etwas, was wir dann teilen. wir beide onanieren. oder wir befriedigen uns. das ist dann etwas gemeinsames. wenn du leiblich verstehst, dann teilen wir das und ich brauch mich dennoch nicht ausgeliefert zu fühlen. weil ich details gar nicht vermitteln kann. nicht via sprache.
sprache ist brücke und mauer zugleich.
aber es ist auch so: du erzählst von einem schönen ort in leipzig. ein anderer wird später einmal sagen können: das muss es sein. davon hat er erzählt. hier eine besonderheit und da. alles stimmig. vielleicht habe ich es mir zuvor anders vorgestellt, ich weiß nicht mehr so genau, ein aha-gefühl ist noch da. ja ich habe es mir anders vorgestellt. aber diese besonderheiten, diese details. alles passt. alles ist stimmig. so hat er es erzählt. er hat zwar von den und den dingen nicht berichtet, obwohl sie mir direkt ins auge springen, und seine besonderheiten hätte ich vielleicht sonst nicht wahrgenommen. aber er hat es gesagt. es schien ihm wichtig zu sein und habe sie dadurch auch direkt erkannt. anders vorgestellt vielleicht, aber erkannt. und er hat es mir erzählt, weil es ihm wichtig war. er hat gestrahlt dabei: schau dir das unbedingt an. er wollte es mit mir teilen.

und nun stell dir vor, zwei sitzen sich in einer bäckerei gegenüber, schauen aus dem fenster, sehen beide etwas besonderes, wissen das voneinander und es gelingt ihnen nicht, sich das besondere ereignis gegenseitig zu beschreiben. sie sagen: schau mal und zeigen und beide wissen um eine tolle erfahrung.

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