wasser mann

November 16, 2011

kunst ist eine notwendigkeit, die vollen körpereinsatz erfordert.

als siebenjähriger – sagen wir acht – verlangte ich von meinem besten freund, er solle auf mich schießen. erschieß mich. aus einem meinetwegen und sicherer entfernung richtete er seinen zeigefinger auf mich, der daumen gespreizt, und drückte ab.

mir stockt der atem. die hände greifen nach der wunde an der brust. mein erfülltes leben steht als schrecksekunde vor meinen augen. ich stürze. – stürze kopfüber in die tosenden fluten des freizeitschwimmbeckens. das drei-meter-brett bedeutete mir meine welt.

wir waren feinde zweier sich ausschließender systeme. der eine schoss für die faschistischen kapitalisten, der andere fiel als volkseigentum.

nun gab es keine feinde mehr. die weltbretter wurden neu gestrichen und blieben mir erhalten. ich machte mich selbst zum feind. ich verinnerlichte die sprache des vaters und murmelte. etwas konnte ich also hinüberretten. und gründe gab es:

ich wurde zum mann. die stimme brach ein. das haar und der schwanz wuchsen mir über den kopf. da gab es kein außen mehr, das schoss. da gab es nur noch die zelle.

ich sammelte taschentücher. hügelte sie, bergte sie. und war plötzlich mann. ein körpervieh. stinkend. die unbeantwortete frage blieb: und nun?

da war all das widerliche der männer, die stolz darauf waren, was für ein kerl ich doch bin. prügelt – wie ein echter mann. den wird später keiner so schnell umhauen. rülps, furzt, giert weibern nach. wie ein echter mann. stolz war man

nicht. denn ich prügelte nicht. ich ließ mich nur verprügeln. spielte spielte spielte kein fußball, wichste mit niemandem um die wette. spielte mit puppen. eine schande. eine schande. er ist so sensibel, der zeitlupenpaule. sie müssen mal zum arzt. der macht ihnen sonst keine freude.

die lust kam. der drang. wollte furzen, ohne männlich zu sein. wollte wichsen, ohne männlich zu sein. wollte frauen schön finden dürfen dürfen dürfen. männer schön finden dürfen dürfen dürfen. die unmännlichen. die ausgestoßenen. die mit den worten im mund.

wollte das nicht. verstand nicht. versteh nicht. weg damit weg. weg. ab soll es. reiß mir die lust raus. es gelingt nicht. die lust steht da und sagt: du mann du widerlicher mann.

war dies das brett, dessen welt ich wollte?

ich sammelte indizien gegen mich. las bachmann gegen mich. las jelinek gegen mich. las berg. und auch de sade. alles gegen mich. die indizien sprachen für sich. mann mann mann.

nichts liebevolles. nur stampfen. und möchte aufs neue in schwimmbecken fallen.

coda:

ich werde diesen körper nie verstehen

wo hört er auf

wo fange ich an

wo ist er das was mir zu sagen bleibt

wo sind die sagen um ihn

– es geht ein gerücht am stadtbrunnen nährt sich der schopf der trog mit klarem wasser und trübem verstand –

es ist mir nicht wohl dabei meinen hintern zu berühren nicht wohl dabei meinen schwanz nur zu sehen dieses üble geschlecht. nicht mehr als eine waffe: demütigend machtbesessen notgeilnagelnd vergewaltigungsapparat folterapparat apparat parat und

SCHUSS!

————

ist das mein körper der anfängt

bin ich es der aufhört

höre ich auf

bleibe ich

verweile doch du bist so

ich – mit dem letzten stück würde im mund

im arsch / nimm mich würde

ach würde

wohin

?

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