vorfreude

Mai 6, 2011

„Meine Beine machen nicht mehr mit“, sagte er sonntags. Auf die Jahre hin ist er gläubig geworden. Zwar glaubte er früher schon. Mal an das Gute im Menschen. Mal an das Schlechte in der Welt. An das Übliche. An Hoffnung glaubte er, an die Kinder seiner Tochter. Die werden schon nicht genauso, dachte er sich sonntags. An den Feiertagen dachte er, ihm sei heute wie Sonntag. Und sonntags machten seine Beine nicht mehr mit. „Die werden schon nicht genauso“. Dann stützte er sich ab. Die Sessellehnen sind benutzt. Immer stützt er sich ab. Die werden schon nicht genauso, war ein Grund und das ‚genauso‘ klang sonntags ein wenig gequetscht. Er zupfte seine Decke  zurecht. Das sortierte ihn.

In der Früh wurde er in den Sessel gesetzt. Er konnte sich die Namen nicht merken. Ein Tag und noch ein Tag. Nur sonntags war alles anders. Da fuhren die wenigen Autos vor seinem Fenster, als kämen sie geradewegs aus der Messe. Gereinigt und beseelt. Am Waldrand werden sie stehen und am Park, am Zoo oder an einem Theater vielleicht.

Dann schmerzte ihn die Reichweite des Telefons wie nur das Gehen ihn schmerzte. Und die Enkel werden schon nicht genauso. Er konnte sich die Namen nicht merken. Im Wald werden sie sein. Oder im Park. Bei den Erdmännchen oder im Theater. Da war er mit seiner Tochter: „Dornröschen? Rapunzel?“

„Die werden schon nicht genauso.“ Er stützte sich ab und wartete auf den Anruf.

Am Abend schaute einer ohne Namen vorbei. „Herr Möller“, sagte er, „sie haben wieder nicht aufgegessen“. „Sonntags esse ich mit meiner Familie.“  „Heute ist Dienstag“, rutschte dem ohne Namen heraus und ließ darauf ein  gedrungenes Schweigen folgen.

(Einmal war er in der Kirche.

Zur Beerdigung seiner Tochter. Seiner Enkel. Ein Unfall. Kurz vor dem Wald. An einem Sonntag.)

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3 Antworten to “vorfreude”

  1. textgruen said

    Labyrinth vergessenen Erinnerns, erinnerten Vergessens: Gefühle jenseits der Worte, von Worten gezeugt. Gefundener Versuch. Danke!

  2. Sordis said

    Ich bin normalerweise eher stummer Leser und kommentiere selten, aber heute habe ich das Bedürfnis:
    Ganz anders, ganz zerrend, ganz treffend, innen, wo’s weh tut, ganz hervorragend.

  3. poetin said

    danke, sebastian. ich habe einen kloß in der kehle und gänsehaut. bitte schenke mehr von dieser gänsehautprosa.

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