Exklusiv-Winterview

Dezember 9, 2010

Sebastian van Roehlek im Gespräch mit Herrn Z

Herr Z:                  Herr van Roehlek. Vorab, wollen wir uns auf das Du einigen?

Van Roehlek:    Ich bin mir nicht ganz sicher.

Herr Z:                  Was genau verunsichert sie?

Van Roehlek:    Das Licht hier und, um ehrlich zu sein: Was bedeutet Du? Oder genauer: Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, ob wir uns nicht auf das Du einigen sollten?

Herr Z:                                 Ich meine damit, verstehen sie mich recht, ich meine, man merkt Ihnen Ihr Philosophiestudium an.

Van Roehlek:    Ganz recht. Seit nunmehr zehn Semestern beschäftigen mich Fragen, die, mit Verlaub, keine Fragen wären, würde ich mich, also meine Zunft, nicht damit, ähm, beschäftigen. Um es kurz zu machen, ich sehe keinen Grund, warum wir uns nicht Duzen sollten.

Herr Z:                  Lieber Sebastian…

Van Roehlek:    …von daher können wir es auch lassen. –

Herr Z:                  Lieber Herr van Roehlek. Neben ihrem Philosophiestudium sind sie auch noch in der Musikwissenschaft tätig.

Van Roehlek:    Nun, wie ich feststellen darf, sie sind gut informiert. Allerdings sollte ich noch erwähnen, dass ich mich auf dem Feld der Systematischen Musikwissenschaft bewege.

Herr Z:                  Das heißt?

Van Roehlek:    Zuerst einmal sei darauf hingewiesen, dass Musikwissenschaftler als Musikwissenschaftler gänzlich Theoretiker sind, ergo, wir machen keine Musik, wir reden nur darüber. Das vorweg! Nun zu ihrer präzisen Frage:

Das heißt folgendes: Man unterscheidet zwischen einem historischen Zweig und zwischen eben jenem systematischen. Während die Historiker primär mit Werk- und Biografieanalyse beschäftigt sind – wann hat Bach wo wie viele Kinder gezeugt? Welche Musikalischen Opfer hat er dafür bringen müssen? Wer hat bei wem abgeschrieben? Und was sagt uns ein Stemma?

Herr Z:                  Ein was?

Van Roehlek:    Ein Stemma. Ähm, lassen wir das lieber.

Herr Z:                  Nein, nein.

Van Roehlek:    Doch. Die Systematische Musikwissenschaft hingegen lebt von einer Vielzahl unterschiedlichster Methoden  (zeigt Gänsefüßchen). In ihrer Suppe schwimmt die Musiksoziologie ganz oben.

Herr Z:                  Fettaugen?

Van Roehlek:    Das haben sie… Daneben gibt es noch die Psychologie, die Philosophie, die Physik, die Ethnologie.

Herr Z:                  Und die Musik.

Van Roehlek:    Jaja. Die Musik steckt da jeweils schon mit drin. Also dran: Musikpsychologie und so weiter.

Herr Z:                  Die Systematik hat also keine eigene…

Van Roehlek:    Keine eigene?

Herr Z:                  Naja. Methode?

Van Roehlek:    Hören sie! Wenn, dann ist das wohl umgekehrt.

Herr Z:                  Wenn nicht, dann nicht!

Van Roehlek:    Sie sind ein sehr gewiefter Gesprächs… wahrscheinlich naiver Praktikant. Stellen sie bitte angemessene Fragen.  Zum Beispiel, warum ich so von Rang und Namen bin.

Herr Z:                  Bitte: Warum?

Van Roehlek:    Im ganzen Satz.

Herr Z:                  Warum sind sie von Rang und Namen?

Van Roehlek:    So? Bin ich das?

Herr Z:                  Äh! (Umblättergeräusche sind zu vernehmen, ebenso das Geräusch einer krallenden Hand auf Cord) Äh!

Van Roehlek:    Kleiner Scherz. Bitte fahren Sie fort!

Herr Z:                  Ähm, also, sie sind ja in der DDR aufgewachsen.

Van Roehlek:    Ganz recht!

Herr Z:                  Folgeschäden? Ich meine, gibt es Folgeschäden?

Van Roehlek:    Sehen Sie, für denjenigen der folgsam war, gab es keine Folgeschäden. Es sei denn, er litt sehr unter seiner Folgsamkeit.

Herr Z:                  Volksamkeit (lacht kurz)

Van Roehlek:    Ja, sie lachen. Was gibt es zu lachen. Folgsamkeit ist eine anthropologische Konstante. Das gibt es hier und jetzt ebenso wie dort und damals. Also bitte!

Herr Z:                  (Kichert währenddessen in sich rein)

Van Roehlek:    (nervös) Wir können das Gespräch auch hier abbrechen, wenn Ihnen danach ist.

Herr Z:                  (unter Kichern) Nein nein!

Van Roehlek:    Mein Gott! Hier herrscht ein reger Wechsel an Emotionen.

Herr Z:                  –

Van Roehlek:    Ja, ich bin in der DDR aufgewachsen. Ja, ich hatte ein blaues Tuch am Kragen. Und ja, ich wäre so gern aufgestiegen, zum Thälmann-Pionier. Aber just in diesem Jahr brach die Wende über uns herein.

Herr Z:                  Wieso brach? Was meinen sie mit brach?

Van Roehlek:    ‚Brach‘ eben! – Sehen sie: Zu DDR-Zeiten konnte man mit geschlossenen Augen über die Straße gehen. Man hörte, ob ein Auto in der Gegend war. Dann kam die Wende und mit ihr erhöhte sich die Unfallrate erheblich.

Herr Z:                  Interessant! Gibt es Belege?

Van Roehlek:    Statistik. Gefühlte Statistik. Aber sehen sie: Ich selbst bin beinahe von einem modernen Gefährt erfasst worden. Damals. Ich ging über die Straße und das Ding war dann einfach schon da. Kein Drollen, kein Knattern, kein Rappeln nichts. War einfach da. Ganz heimlich rangeschlichen. Unerhört! – Dann standen plötzlich unzählige solcher Gefährten an den Bordsteinen der zusammengeteerten Straßenplatten. In dem Teer konnten man so schön rumpuhlen. Besonders im Sommer. Auf offener Straße. Und wissen sie was?

Herr Z:                  (schüttelt kurz den Kopf)

Van Roehlek:    Zu DDR-Zeiten waren die 100 km/h  auf der Autobahn keine Geschwindigkeitsbegrenzung, sondern eine Herausforderung. Das war noch Erlebniskultur.

Herr Z:                  Sie wollen doch nicht die DDR beschönigen?

Van Roehlek:    Verstehen sie mich nicht falsch! Natürlich nicht. Aber es gab schöne Momente. Das sehr wohl. Ich erinnere mich da an ein Ereignis. Wir fuhren einmal mit dem Bus zum Wörlitzer Park. Dieses Parkdingens, da an der nicht anerkannten Grenze zu Polen.

Herr Z:    Sie meinen Görlitz?

Van Roehlek:       Görlitz Wörlitz Görlitz Wörlitz. -Wir fuhren also mit dem Bus. Autobahn. Plötzlich, ich hab es noch wie heute, plötzlich machte der Busfahrer folgende Durchsage: Liebe sozialistischen Reiseteilnehmer, soeben ist der Herr Genosse Staats-, nein, Generelsekretär Honecker an uns vorbeigefahren. – Und das sind Momente, die man nicht missen möchte.

Herr Z:                  Aha! –  Herr van Roehlek. Sie sind mir unheimlich.

Van Roehlek:    Vielleicht sind sie einfach nur nicht in der Lage, das zu verstehen. Ich ahne da eine gewisse Inkompetenz. Also, mit Verlaub!

Herr Z:                  Jetzt reicht es! Ich breche das Interview an dieser Stelle ab.

Van Roehlek:    (während Herr Z seine Sachen packt)

Ich hab Dich immer für kompetent gehalten. Zetti, nee, ähm, Zott, nee, Kleener, wat machste nur? Ick dachte, ick meene, weeßte, wat solln dit jetze? Kannst ma doch nich im Stich lassen, hier?

Herr Z:                  Ich habe es satt, wie Du mich ständig behandelst. Öffentlich stellst Du mich bloß. Dichtest mir Deine Schwächen und Trotteligkeiten an! Herr Z glaubt dies, Herr Z glaubt das, Herr Z ist nun dies, behauptet nun das… Aber mit mir kann man es ja machen.

Van Roehlek:    Zetti, nee, Kleener. Ick weeß, ick hab dir unrecht jetan. – Darf ick dir knuddeln? – Och Zetti, nee, Kleener. Ick mach dit nie wieder. Ick sach den Leuten nicht mehr von deine blauen Arme, weil de die Schulbank jedrückt hast. Dit mach ick nich mehr. –

Herr Z:                  (ab)

Van Roehlek:    Jetzt bin ick alleen. nu? Wat mach ick nu? So alleen. Und Knäckebrot is och keens mehr da!

(ruft)                    Zetti, nee, Kleener, komm zurück! Bitte! – Komm zurück! – Und verjiss nich, dit Klopapier is alle!

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